Warum wir eine faire Modeindustrie brauchen

B&T STATEMENT PIECE l Wir wundern uns immer wieder, dass wir manchmal erklären müssen, warum wir uns entschieden haben, ein faires Modelabel zu gründen. Und warum es so wichtig ist, Mode radikal neu zu denken. Für uns ist die Sache klar: wir möchten nicht länger Teil des Problems, sondern lieber Teil der Lösung sein. Wir lieben Mode. Aber verurteilen den Qualitäts- und Wertverlust, den unser aller Überkonsum in den vergangenen zwanzig Jahren angenommen hat. Wir sind fest davon überzeugt, dass Mode viel mehr Spaß bringen kann, wenn wir ihr das zurückgeben, was in ihr steckt: WERT. Lust auf einen kleinen Ausflug in unser Gedankenkarussell? Here you go.

Fast Fashion: Quantität statt Qualität

Mode ist ein verrücktes Ding. Denn es betrifft alle. Alle hüllen sich in sie. Alle brauchen sie. Für manche ist es reine Bekleidung. Für viele aber so viel mehr. Denn Mode sagt so viel über uns aus: Sie ist Lust und Ausdruck. Aber auch etwas, das unsere gesellschaftspolitischen Werte widerspiegelt. Und als Distinktionsmerkmal für unsere jeweils eigenen Peer Groups funktioniert. Spätestens seit den 2000er Jahren hat Mode sich jedoch radikal gewandelt. Sie ist schnell geworden, so schnell, dass es mittlerweile sogar einen eigenen Begriff dafür gibt: Fast Fashion.

Fast Fashion ist eine Mode, die auf schnellen Konsum ausgelegt ist. Um auf Trends schnell reagieren zu können und diese einer großen Masse zugänglich zu machen, setzen Macher:innen auf immer kürzere Kollektionszyklen und haben damit die gängigen vier Jahreskollektionen ausgehebelt. Teilweise bringen Unternehmen im Jahr jede Woche eine neue Kollektion auf den Markt. Den Preis dafür? Zahlen allerdings nicht die Konsument:innen, sondern unsere Umwelt und die Menschen, die unsere Kleidung oft unter unwürdigsten Bedingungen fertigen.

Es verwundert wenig, dass die Bekleidungsindustrie eine der umsatzstärksten Branchen ist: 35 Milliarden Euro jährlich werden in Deutschland mit Kleidung gemacht. Dabei war die Modeindustrie, auch wenn es uns so vorkommt, nicht immer in dieser Speedgeschwindigkeit unterwegs. Die Bekleidungsproduktion hat sich von 2000 bis 2014 sage und schreibe verdoppelt. 2014 wurden mehr als 100 Milliarden Kleidungsstücke neu produziert. Eine irrsinnige Zahl, wenn man sich überlegt, dass die Weltbevölkerung knapp 8 Milliarden misst. Deutsche Verbraucher:innen kaufen im Schnitt 60 Kleidungsstücke pro Jahr – tragen diese allerdings nur noch halb so lang wie vor 15 Jahren. Anyone getting Bauchschmerzen so wie wir?

Und diese Quantität ist sichtbar: In Deutschland kommen jährlich mehr als 1 Million Tonnen Altkleider zusammen. Das entspricht einer geladenen LKW Schlange von Flensburg bis Innsbruck. Und ist viel mehr als gemeinnützige Einrichtungen in Deutschland benötigen. Stattdessen werden die Altkleider in afrikanische Länder weiterverkauft oder zu minderwertigen Faserprodukten wie Putzlappen oder Dämmmaterial downgecycelt – wenn denn die Qualität stimmt. In Hamburg ist diese mittlerweile so schlecht, dass die Hansestadt sich im Sommer dieses Jahres entschieden hat, alle Altkleidercontainer abzubauen. Die gigantesque Auswahl an Mode führt jedoch nicht zu einer bewussteren Selektion oder gar einer besseren, da alternativreichen Konsumkultur, sondern zu ihrem genauen Gegenteil: zu “unreflektierter Maßlosigkeit“.

Quelle: fairwertung.de

Fast Fashion: eine Klima- und Menschenrechtskatastrophe

Fast Fashion hat in seiner Quantität nicht nur ein moralisches, sondern auch ein unfassbares klimapolitisches Problem. Derzeit verursacht die Textilindustrie jährlich 1,2 – 1,7 Billionen Tonnen CO2 – und damit mehr als Flug- und Schifffahrt zusammen. Sie entstehen bei der Gewinnung von Plastikfasern, der Weiterverarbeitung und langen Transportwegen. Schließlich wandert ein Hemd im Durchschnitt durch 140 verschiedene Produktionsstätten, bis wir es schließlich im Laden oder online kaufen können. Die Modeindustrie als Teil der Textilbranche ist allein für 5 Prozent der globalen Emissionen zuständig. Und uns wird beim Schreiben ganz schlecht. Schließlich wird Mode größtenteils im globalen Süden produziert, der Bereich unseres Planeten, der sowieso am meisten vom Klimawandel betroffen ist.

Der maßlose Konsum unserer Kleidung hat nicht nur dazu geführt, dass alle großen Player in Niedriglohnländer abgewandert sind und es kaum noch Produktionsstätten in Deutschland gibt. Unser Überkonsum hat eine Produktionskultur entstehen lassen, bei dem die Menschen für die billigen Preise zahlen, die ganz am Anfang der textilen Wertschöpfungskette stehen: die Textilarbeiter:innen vor Ort. “Die Undurchschaubarkeit der Lieferketten ist das System, aus dem die deutschen Unternehmen ihre Gewinne erzielen“.

Wie sieht eine alternative Modeproduktion aus?

Mit #bridgeandtunnel wollten wir ein Label kreieren, das Alternativen aufzeigt und so inspirieren kann, dass es etwas verändern kann. Aktuell sind Unternehmen, die faire Mode vertreiben, allerdings im brutalen Wettbewerbsnachteil. Der Umsatz mit fairen Brands macht weniger als 5 Prozent am Gesamtmarkt aus. Faire Mode muss also in die Masse getragen werden, um zu wirken. Dafür braucht es aber mehr als grüne Capsule Collections und Beteuerungen großer Player, dass sie sich nachhaltiger aufstellen wollen. Es braucht einen systemischen Wandel in der Modeindustrie. Aus klima- und Menschenrechtsgründen. Und weil Mode mehr sein kann als ein Verursacher. Mode kann das Vehikel für Veränderung sein.

Auch wenn es superwichtig ist, dass wir alle als Konsument:innen immer wieder unsere Stimme erheben und durch unsere Kaufentscheidungen zeigen, welche Art von Mode wir favorisieren, hat der Einfluss der Konsument:innen auch seine Grenzen. Sie stehen am Ende einer hochgradig komplexen, intransparenten Wertschöpfungskette, in der Nachhaltigkeit gern so ungenau wie möglich definiert wird. Selbst kritische, aber dennoch nicht inkludierte Verbraucher*innen haben damit fast keine Chance, die Strukturen verständlich zu durchschauen. Eine Regulierung durch den Markt wird damit nur schwer denkbar. Mithilfe von politischen Regulationen kann nicht nur die Verfügbarkeit, sondern auch die Finanzierbarkeit von fairer Mode für alle gepusht werden. Menschen sollten aufgrund eines geringen Budgets nicht dazu verdammt sein, Kleidung zu kaufen, die unter miserablen Bedingungen hergestellt wird, s. dazu das großartige Buch der Fashion Changers S. 17.

Ein Lieferkettengesetz, das schon seit einiger Zeit diskutiert wird, würde faire Arbeitsbedingungen und Umweltschutz entlang der textilen Wertschöpfungskette garantieren. Das stößt bei Bevölkerung und Politik auf große Zustimmung – nur Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) stellt sich quer. Die Initiative Lieferkettengesetz hat aktuell einen Protestbrief ans Bundeswirtschaftsministerium aufgesetzt, den ihr hier unterschreiben und teilen könnt.

Nachhaltigkeit in die Masse tragen

In einer nicht-nachhaltigen Welt ist es eh schon schwer, nachhaltig zu leben. Daher unterstützen wir auch Ansätze, die noch nicht perfekt sind, solange sie aufrichtig gemeint sind. Wir machen uns für eine Mode stark, die wertschätzend ist. Für eine Mode, die

  • ressourcenschonend arbeitet
  • alle Menschen entlang der textilen Wertschöpfungskette wertschätzend behandelt
  • und auf Qualität statt Quantität setzt. Slow statt fast.

Kürzlich haben wir in einem Interview des Peppermynta Mag den großartigen Begriff der Zukunftsfähigkeit gelesen, den wir so passend für unsere Vorstellung einer fairen Mode finden. Im Sinne einer »Vorhaltigkeit« ginge es dann nämlich darum, Mode zu entwickeln, die Mensch, Umwelt, Tier und Erde heute und in Zukunft davor bewahrt, kaputt zu gehen. Mode als Mittel der Veränderung.

More to know

Ihr wollt mehr zum Thema lesen und hören? Kürzlich war unsere Co-Founderin Conny in der Diskuthek des STERN zu Gast, wo sie mit Tarek Müller von @aboutyoude, Hendrik Heuermann von @hm und Viola Wohlgemuth von @greenpeace.de diskutiert hat.