Kollaps der Altkleiderindustrie? Interview mit FairWertung

B&T WORKING LAB l Altkleider – ist eines unserer Lieblingsthemen! Denn es sind wertvolle Ressourcen, die täglich in rauen Mengen weltweit aufkommen. Die weltweite Textilproduktion hat sich seit 2000 mehr als verdoppelt. Mehr als 100 Milliarden Kleidungsstücke werden mittlerweile jährlich neu produziert. Und finden sich in ca. 24 Kollektionen in den großen Fast Fashion Stores, von denen Deutsche im Schnitt 60 Kleidungsstücke im Jahr kaufen. Die Konsequenz?! Jährlich werden in Deutschland über 1 Million Tonnen Altkleider gesammelt. Und weil seit der Coronakrise viele Menschen ihren Kleiderschrank ausmisten, gibt es eine regelrechte Altkleider-Flut. So wurde im März/April 2020 20-30% mehr Bekleidung abgegeben als sonst üblich.

Aber was bedeutet die Altkleiderflut für die Altkleidersammler:innen und wie funktioniert das Unterfangen wirtschaftlich? Dazu haben wir mit Thomas Ahlmann, Geschäftsführer des Dachverbandes FairWertung, ein Zusammenschluss von 130 gemeinnützigen Altkleidersammler:innen in Deutschland, gesprochen. Ihre Sammlungen sind am Zeichen „Fairwertung – bewusst handeln“ auf Kleidersäcken, Altkleidercontainern und Internetseiten zu erkennen.

 

1. Organisationen, die mit dem Namen und Zeichen der FairWertung werben dürfen, müssen beim Sammeln eure Standards umsetzen. Was sind eure wichtigsten Werte und was unterscheidet euch von anderen?

Im Netzwerk lassen sich eigentlich alle Sammelformen im gemeinnützigen Bereich finden. Wir haben Kleiderkammern, Sozialkaufhäuser, Second-Hand Shops sowie Straßen-, Haustüren- und Containersammlungen. Die Grundüberzeugung aller gemeinnützigen Organisationen, die bei FairWerwertung organisiert sind, ist die Verantwortung. Die Verantwortung, die man gegenüber Spender:innen, aber auch dem Spendengut selbst hat. Die Menschen überlassen uns etwas, damit es genutzt wird,  etwas Gutes zu tun. Wir wollen diese Sachen gut behandeln und wollen, weil Altkleidersammlungen immer auch Teil einer längeren Wertschöpfungskette sind, Verantwortung über das reine Sammeln hinaus übernehmen. Wir möchten wissen, wohin Textilien gehen, die als Überschüsse an gewerbliche Sortierer weiterverkauft werden. Darüber hinaus möchten wir als Netzwerk übergeordnete Fragen bearbeiten, wie zum Beispiel Fragen über die Auswirkungen von Second-Hand Exporten in afrikanische und osteuropäische Länder.

Zu unseren Standards für Spender:innen gehört vor allem die Garantie, dass die abgegebenen Textilien direkt oder indirekt gemeinnützig verwendet werden, dass wahrheitsgemäß über die Verwendung der Textilien informiert wird und dass alle rechtlichen Abfallregelungen eingehalten werden.  Für private Haushalte ist es oftmals schwer zu erkennen, wer hinter einem Altkleidercontainer steckt, was mit den Textilien passiert und wer davon profitiert. Da herrscht große Intransparenz. Und hier möchten sich die Mitglieder von FairWertung zu erkennen geben.

Die FairWertung Container sind markiert

 

2. Durch die Schließung des Einzelhandels bleiben aktuell ca. 500 Millionen Kleidungsstücke in den Lagern und Geschäften liegen. Bis Ende des Jahres sorgt ein Gesetzentwurf dafür, dass Einzelhändler ihre Kleidung an gemeinnützige und soziale Organisationen spenden können, ohne darauf Umsatzsteuer zu zahlen. Ist das für die Altkleidersammlung ein Fluch oder Segen?

Die riesige Altkleiderflut kritisieren wir schon seit Jahren. Schon lange beobachten wir, dass die Mengen in Altkleidersammlungen immer weiter ansteigen. Und natürlich ist es so, dass eine immer größere Menge irgendwann den Preis und damit den Erlös drückt, weil das Angebot einfach zu groß ist. Zudem nimmt die Qualität der Textilien insgesamt immer weiter ab.

Wir haben uns auch schon immer dafür eingesetzt, dass in Deutschland das Spenden von Neuware, also im Einzelhandel nicht verkauft oder aus  Überproduktionen etc. vereinfacht wird. Denn wir haben eigentlich die absurde steuerliche Regelung in Deutschland, dass es oftmals billiger ist neuwertige Textilien verbrennen zu lassen, als sie an eine gemeinnützige Organisation zu spenden. Wir haben es also sehr begrüßt, dass im Zuge der Corona-Hilfen jetzt diese Spende möglich gemacht wird. Wir als FairWertung sind auch bereit und in der Lage, diese großen Mengen von Händlern und Produzenten zu übernehmen und dezentral zu verteilen.

Aber insgesamt müssen wir uns als Gesellschaft Gedanken darüber machen, dass unser Textilkonsum, so wie er in den letzten Jahren stattgefunden hat, einfach ökologisch nicht mehr haltbar ist. Das Fast Fashion Geschäftsmodell setzt nur auf Masse und billige Produktion. Textilien sind so günstig, dass sie zu Wegwerfprodukten werden. Die eigentlichen gesellschaftlichen Kosten spiegeln sich in den Textilien heutzutage nicht wieder. Und das ist das Problem.

 

3. Sollte der Gesetzesentwurf zur vereinfachten Sachspende deiner Meinung nach verstetigt werden?

Zunächst ist es ja bis zum 31.12.2021 befristet. Wir haben aber die Hoffnung und werben auch dafür, dass es sich dauerhaft in einem Gesetz verfestigt und einfach umsetzen lässt. Und wir sind auch der Überzeugung, dass es da Wege gibt.

 

4. Erkläre uns bitte einmal, wie Altkleidersammlung wirtschaftlich funktioniert: Wer trägt welche Kosten und wie wird Geld damit verdient? 

Gar keine einfache Frage. Zunächst ist es so, dass wir in Deutschland ein einzigartiges, flächendeckendes und akzeptiertes Sammelsystem für Altkleider haben. Nach Schätzungen landen ca. 70 Prozent der Textilien, die aus privaten Haushalten aussortiert werden, auch tatsächlich in einer dafür vorgesehenen Sammlung, also in einer Altkleidersammlung. Das ist wirklich ein Spitzenwert und es ist eigentlich auch eine super Grundlage für eine Kreislaufwirtschaft. Jährlich werden in Deutschland über eine Million Tonnen Textilien gesammelt. Das sind knapp jedes Jahr eine LKW Schlange von Flensburg bis Innsbruck – voll mit Textilien! Dieses System ist zudem für Verbraucher*innen kostenlos. Wenn wir an Joghurtbecher oder Haushaltsmüll denken, müssen hier ja die Verbraucher*innen entweder, wenn er den Joghurtbecher kauft, das Recycling schon mitbezahlen oder aber über den Gebührenhaushalt der Kommune die Restmülltonne mitfinanzieren. Bei Altkleidertextilien muss der Bürger nichts finanzieren. Die Menge, die anfällt, ist aber auch ein Vielfaches von dem, was wir hier vor Ort für bedürftige Menschen brauchen. Die Altkleidersammler verkaufen entsprechend die Überschüsse und zwar an gewerbliche Sortierbetriebe. Und diese gewerblichen Sortierbetriebe machen das, was der Name schon sagt. Sie nehmen jedes Textil in die Hand, prüfen es und sortieren es nach unterschiedlichen Sorten wie Hemd, Hose, Jacke und nach unterschiedlichen Qualitäten. Und so werden die Textilien in bis zu 190 unterschiedliche Fraktionen sortiert.

Das ist das Prinzip: Der Sammler hat Kosten für die Aufstellung und Entleerung der Container inkl. aller Logistik, Fahrzeugen etc. und erhält einen Erlös über den Verkauf der Textilien an den gewerblichen Sortierer, der den Ankauf und die Sortierung über den Handel auf dem internationalen Second-Hand Markt finanziert. Nicht mehr tragbare Textilien sind dabei ein Verlustgeschäft. Das System ist also auf gut erhaltene Textilien angewiesen.

Das Problem sind die explodierenden Mengen, die auf den Preis drücken und vor allem die insgesamt schlechter werdende Qualität der Textilien. Der Anteil an gut erhaltenen Sachen nimmt immer weiter ab. Auch weil die Leute ihre gut erhalten Sachen selbst auf großen Second-Hand Plattformen weiterverkaufen – was ja aber eigentlich zu begrüßen ist. Jedoch bringt das alles das System ins Wanken.

 

5. Was passiert mit der gesammelten Kleidung: wie viel wird exportiert, was kann recycelt werden und was landet auf dem Müll?

Man kann sagen, dass heute noch 55 bis 60 Prozent der Textilien, die in so einer Sammlung sind, Second-Hand fähig sind. Das heißt, sie sind zum einen tadellos erhalten und funktionsfähig – also Reißverschlüsse sind da, keine Löcher, Knöpfe sind alle dran – und zum anderen gibt es für sie einen Markt. Es gibt eine Nachfrage! Und diesem Textilien-Berg, den wir jedes Jahr in den Industrieländern anhäufen, steht eine weltweit große Nachfrage gegenüber. Denn Second-Hand ist global gesehen eher die Regel. Laut UNO, tragen 70 bis 80 Prozent der Weltbevölkerung Second-Hand Kleidung. Bedingt durch die  Kaufkraft weltweit. Genau dieser Second-Hand Handel finanziert unser komplettes Altkleidersammelsystem, so wie wir es in Deutschland kennen.

Um das hier noch mal klar zu machen: das Anormale und der Skandal ist unser Konsum! Genau dieser Secondhand Handel finanziert unser komplettes Altkleidersammelsystem, so wie wir es in Deutschland kennen.

Mit den anderen Anteilen haben wir noch einmal ca. 10 Prozent Putzlappen, 30 Prozent sogenannte Recycling Qualitäten und noch einmal ca. 10 Prozent textiler Müll. Damit verdient der Sortierbetrieb kein Geld. Es ist einfach nur Beifang. Daraus werden dann z.B. Autoinnenverkleidungen gemacht. Das ist ökologisch gesehen noch das Sinnvollste, weil die Ressource noch über 10 Jahre in Nutzung bleibt. Malerfließ wird auch oft daraus hergestellt, was dann einmal zur Renovierung genutzt wird danach der Verbrennung zugeführt wird. Insgesamt ist also eine gigantische Ressourcenverschwendung, die wir uns als Gesellschaft leisten, weil wir einfach keine Antwort darauf haben, was wir mit all den Textilien am Ende sinnvollerweise anfangen sollen. Lediglich unter einem Prozent der Textilien, die weltweit gesammelt werden, werden  einem Faser-zu-Faser-Recycling zugeführt – einem Closed Loop Verfahren. Es muss dabei gar nicht mal Closed Loop sein. Es könnte auch Open Loop sein, dass man sagt, man führt das einem Verfahren zu, um zumindest etwas Ebenbürtiges zu machen, um die Ressource über einen längeren Zeitraum erneut zu nutzen.

Faser-zu-Faser-Recycling gibt es überwiegend nur theoretisch – sprich im Labormaßstab, aber eben nicht in der Industrie. Die Problematik ist.dass diese Verfahren oftmals nachteilig sind was die Qualität der wieder gewonnenen Fasern angeht. Und, diese Verfahren sind dann auch aktuell schlicht zu teuer für die Wirtschaft. Aber es muss was passieren. Die Textilindustrie ist die zweitdreckigste Industrie der Welt. Es muss gehandelt und Geschäftsmodelle angepasst werden. Wenn der Konsumrausch bleibt und in Ländern wie Indien, Brasilien und China der Bedarf an Kleidung wächst, wäre dies gar nicht mehr zu decken. Wir haben weder die Flächen noch genügend Wasser, um all diese Textilien weltweit herzustellen.

Quelle: Greenpeace

 

6. In Hamburg wurden die Altkleidercontainer wegen mangelnder Qualität abgebaut, viele Annahmestellen sind überfüllt. Wie kann ich trotzdem gut und richtig meine Altkleider abgeben?

Aus heutiger Sicht muss man leider sagen, dass nur tadellose und noch tragbare Textilien gemeinnützigen Organisationen helfen. Alles andere sind Kosten und enorme Arbeitsbelastung. Kleidung, die nicht mehr gut erhalten ist, bitte direkt anderweitig zu den öffentlich-rechtlichen Entsorgern bringen. Für die direkte Abgabe in Sozialkaufhäusern bitte vorher anrufen und fragen, welche Spenden benötigt werden.

Man hat Textilien nicht mehr, weil man sie braucht, sondern einfach, weil man sie hat. Man hat völlig den Überblick verloren. In den 60er und 70er ist man Schaufensterbummeln gegangen. Heute nimmt man mit. Kleidung ist so günstig, dass auch ein hoher Konsum am Monatsende fast gar nicht auffällt. Und wie eben schon gesagt, nimmt die Wertigkeit und Qualität stetig ab.

Aus heutiger Sicht muss man leider sagen, dass nur tadellose und noch tragbare Textilien gemeinnützigen Organisationen helfen. Alles andere sind Kosten und enorme Arbeitsbelastung. Kleidung, die nicht mehr gut erhalten ist, bitte direkt anderweitig zu den öffentlich-rechtlichen Entsorgern bringen. Für die direkte Abgabe in Sozialkaufhäusern bitte vorher anrufen und fragen, welche Spenden benötigt werden.

Ich würde eigentlich schon beim Konsum anfangen und bei neuer Ware wieder mehr auf Qualität achten und mich vermehrt in Second-Hand Läden umschauen. Ich glaube auch, dass das ein viel schöneres Shopping Erlebnis ist, wenn man tolle Sachen findet. Man braucht wieder mehr hochwertige Lieblingsstücke im Schrank. Und die findet man nicht unter Fast Fashion Kleidung. Ich vergleiche das gerne mit Musik. Früher hat man sich eine Platte gekauft und die sehr oft gehört. Heute hat man Spotify. Man hat Zugriff auf jede Musik jederzeit. Das ist was Tolles, aber es entwertet auch die Musik.

 

Thomas Ahlmann ist Geschäftsführer des Dachverbands FairWertung