CUT UP#12: Overproduction – Wir wollen Haben

Nachhaltigkeit, Wiederverwertbarkeit, Slow Fashion – das sind seit längerem erkennbare Bewegungen im Nachwuchsdesign. Aber auch in den Expertisen der großen Globalplayer im Textil- und Fashionbereich wird sich den Themen in verstärktem Maße gewidmet. Nur ein Trend oder grundsätzliche Entscheidung auf eine nachhaltige, ökologische Wirtschaft umzusteigen? Let’s talk about it! In unserer Diskursserie CUT UP – die am 12.Juni bereits in die 12. Runde ging. An Board? Superschlaue Talkgäste. Und unser neuer Sponsor die OTTO Group, yeah!

Overproduction – Wir wollen haben

Es ist schwer vorstellbar, in einer Welt ohne Textilien zu leben. Fast überall sind wir mit ihnen in Kontakt. Kleidung bietet Komfort und Schutz und ist für viele Ausdruck von Individualität und Persönlichkeit. Doch nicht alles, was auf den Markt kommt, wird auch gekauft. Mit dem deutlichen Anstieg der Bekleidungsproduktion in den letzten Jahrzehnten geht auch eine massive Überproduktion von Kleidungsstücken einher. Die Probleme sind vorprogrammiert. Verlässliche Zahlen zum Verhältnis von Produktion und Verkaufszahlenanstieg fehlen. Sicher ist jedoch, dass Unmengen von unverkaufter Kleidung täglich weggeworfen oder vernichtet werden. Kürzlich machte H&M Schlagzeilen damit, dass das Unternehmen im ersten Halbjahr 2018 Ware im Wert von 3,5 Milliarden Euro nicht verkaufen konnte. Allein in Deutschland sollen als Folge 100.000 Kleidungsstücke vernichtet worden sein. Auch Burberry soll im Jahr 2018 Kleidung im Wert von 32,5 Millionen Euro geschreddert haben. Diese Unternehmen stellen keine Ausnahmen dar (laut ZDF-Fernsehmagazin Frontal 21 und die „Wirtschaftswoche“ 2018).

Die Folgen der Überproduktion spiegeln sich auch heute noch – trotz der aufrüttelnden Katastrophe ‚Rana Plaza‘ – in den Arbeitsbedingungen der globalen Textilproduktion wider. Das Entsetzen war groß, und es musste reagiert werden. U.a. erklärten sich unter dem Druck der internationalen Öffentlichkeit nach langen Verhandlungen mit Gewerkschaften und NGOs rund 220 Markenunternehmen bereit, ein gesetzlich bindendes Gebäude- und Brandschutz-Abkommen, kurz ACCORD, zu unterzeichnen.  Rund 1.600 Fabriken mit mehr als zwei Millionen Beschäftigten werden seitdem in Hinblick auf Statik, Elektrik und Brandschutz überprüft. Die Finanzierung war bis 2018 sichergestellt. Im Mai 2019 gab es dazu ein Rechtsurteil: Der ACCORD darf ein weiteres Jahr bestehen, mit dem Ziel einer Übergabe seiner Tätigkeiten an die Bangladeschi Regierung im selben Zeitraum.

Auch global agierende Textil- und Bekleidungsunternehmen suchen nach Lösungsansätzen. Viele haben wir bei CUT-UP bereits vorgestellt, etwa mit dem Thema ‚Cradle to Cradle‘ oder dem von einigen Unternehmen angebotenen Rücknahmesysteme. Doch wir sind nicht zufrieden. Denn Überproduktion fördert und wünscht sich Überkonsum. Und Überkonsum reagiert auf Überproduktion.

Cut Up#12

Für die 12. Ausgabe unserer Cut Up-Serie hatten wir deshalb vier Fachleute aus der Bekleidungsindustrie eingeladen, um Antworten auf unsere Fragen zu finden: Tabea Lier, Business Development Manager Fashion bei Lectra stellte die technologischen Möglichkeiten zur Reduktion der textilen Müllhalde vor. Lena Peleikis, Group Manager Human Rights, Corporate Responsibility bei der OTTO-Group, berichtete, inwiefern Großunternehmen Einfluss darauf nehmen können, wie nachhaltig ihr Design produziert wird. Thekla Wilkening, Gründerin der Kleiderei Hamburg und Business Developer für Stay a While teilte ihre Expertise zu Verleihsystemen von Kleidung. Leider fiel Prof. Dr. Heike Derwanz von der Universität Oldenburg aufgrund von Krankheit kurzfristig aus. Die Diskussion wurde von der Modedesignerin Irina Rohpeter geleitet.

v.l.nr.: Irina Rohpeter, Lena Peleikis, Thekla Wilkening, Tabea Lier

Der Wert von Kleidung

Überproduktion stellt nicht nur eine große Bedrohung für unsere Umwelt, sondern auch für die Arbeitnehmer in der Bekleidungsindustrie dar. Der Zusammenbruch der Textilfabrik Rana Plaza im Jahr 2013 hatte der Welt die schockierend schlechten Bedingungen gezeigt, unter denen unsere Kleidung produziert wird. Als Reaktion auf die Katastrophe haben 200 Bekleidungsunternehmen das ACCORD-Abkommen zur Erhöhung der Transparenz in der Lieferkette unterzeichnet. Lena Peleikis erklärte, dass das Abkommen gute Arbeitsbedingungen durch die Festlegung gemeinsamer Standards gewährleistet. Die Unterzeichner des Abkommens würden derzeit an einem Übergangsplan arbeiten, in dem sie prüfen, wie sie die Lieferkette ändern können. Dabei stellte Lena Peleikis aber auch die Frage, welche Größe der Einfluss von Unternehmen haben kann. Können Unternehmen wirklich die Standards setzen, die benötigt werden, oder ist das vielmehr eine staatliche Aufgabe?

Ein wichtiger Faktor, der Überproduktion antreibt, ist die vermeintlich ständig steigende Nachfrage der Verbraucher. Es scheint also, dass auch die Verbraucher ihre Gewohnheiten ändern müssen, um die textile Müllhalde zu schmälern. Thekla Wilkening erklärte, dass sie vielen Menschen begegnet, die Veränderung wollen. Wenn Menschen allerdings nicht weniger kaufen wollen, müssten ihnen andere Alternativen angeboten werden. Mietsysteme für Kleidung wie Stay a While sind dabei EINE Lösung; die Verbraucher haben neue Artikel in ihrer Garderobe, ohne shoppen zu müssen.

Fashion on Demand

Alternativ demonstrierte Tabea Lier von Lectra, wie Unternehmen auf Überproduktion durch die Entwicklung von Fashion on Demand einwirken können. Durch den Einsatz von Technologien können Artikel perfekt auf die Wünsche von Verbrauchern zugeschnitten werden. Ein Hosenpaar etwa könne genau in der Größe und Lieblingsfarbe produziert werden, die der Verbraucher wünscht. Durch die Individualisierung der Kleidung könne viel Abfall vermieden werden. Auf einer persönlicheren Ebene erinnerte Tabea Lier das Publikum daran, dass wir wieder mit der Reparatur von Kleidung beginnen müssen. Indem wir Kleidung reparieren, anstatt sie wegzuwerfen, könnte ebenfalls viel Abfall vermieden werden.

Eine gute Wahl treffen

Eine Herausforderung für die Verbraucher, darin waren sich die Podiumsteilnehmerinnen einig,sind die schier unendlichen Wahlmöglichkeiten. Dieses enorme Angebot an Produkten mache es auch schwer zu erkennen, welche überhaupt die nachhaltigsten Optionen sind. Obwohl einige Produkte Zertifikate haben, kritisierte Lena Peleikis, dass die Gesamtzahl der Zertifikate es absolut schwierig mache, einen Überblick über alle Optionen zu behalten. Das sei ein echtes Problem der Modebranche und der Komplexität der Produkte.

Textiler Minimalismus

Seit vielen Jahren forscht Heike Derwanz zur Zirkulation von gebrauchter Kleidung in der Stadt und darüber, ob Textil-Minimalist*innen Pioniere für einen nachhaltigeren Umgang mit Kleidung sind und welche Strategien wir von ihnen lernen können. Da Heike Derwanz aufgrund von Krankheit nicht persönlich anwesend sein konnte, ergänzte ihre Kollegin Melanie Haller spontan einige von Heikes Forschungserkenntnissen. Sie bereichtete, dass Heike Derwanz in ihrer Forschung viele Interviews mit Textil-Minimalist*innen geführt hat. Im Textil-Minimalismus geht es vor allem um eine andere Wertschätzung von Textilien. Der Schwerpunkt liegt auf der Reparatur, dem Upcycling, der Veränderung und der Fortführung des Textilkreislaufs. Heike Derwanz Befragte würden in der Regel anders konsumieren und sehr minimalistisch leben, insbesondere im Alltag und beim Verzehr von Lebensmitteln. Sie stünden dem kapitalistischen System und dem Konsum kritisch gegenüber, spielen also in der Diskussion um Überproduktion alles andere als eine aktive Rolle.

Politik in der Pflicht

Am Ende betonte Thekla Wilkening noch einmal die Bedeutung und Verantwortung der Politik, Verbraucher darin zu unterstützen, welche Produkte in verschiedenen Produktsegmenten die nachhaltigste Option sind. Sie forderte die Politik auf, Unternehmen zu ermutigen, mehr Transparenz in Bezug auf ihre Produktion und ihren Nachhaltigkeitsgrad zu zeigen. Aktuell würden  die geltenden Gesetze dazu führen, dass es günstiger sei, Materialien wegzuwerfen, anstelle sie weiterzuverwenden, aufzubereiten etc.  Produzenten und Konsumenten können es nicht allein schaffen. Wenn es darum geht, Verschwendung zu reduzieren, sei es unabdingbar, dass sich auch die Politik engagiere.

“Wir haben die Technologie, Menschen mit Empathie und Menschen mit einer Vision. Was auch immer wir tun, ob es sich um Verkauf oder Vermietung handelt, wir müssen es gemeinsam tun. “ (Tabea Lier, Lectra).

Live Mitschnitt

Ihr konntet bei CUT UP nicht dabei sein? Einen Mitschnitt des Panels findet ihr hier. Im Anschluss gab es noch reichlich Fragen aus dem Publikum, diese Diskussion findet ihr hier.