Deine Jeans macht Politik

Vom 22. bis 28. April fand sie erneut statt – die Fashion Revolution Woche. Die globale Bewegung, die ihren Ursprung im Einsturz des Gebäudes Rana Plaza in Bangladesch im Jahr 2013 hat, jährt sich damit bereits zum 6.Mal. 1138 Menschen kamen damals ums Leben, mehr als 2500 Menschen wurden verletzt – und weltweit bekam die traurige Realität der globalen Modeindustrie plötzlich ein Bild. Seitdem zielt die Fashion Revolution Bewegung auf eine Veränderung der Textilindustrie, in der tagtäglich Tausende von Menschen unter menschenunwürdigen Umständen arbeiten. 6 Jahre nach der Katastrophe, die sie ausgelöst hat, ist Fashion Revolution größer denn je. Aber was hat sich für die Menschen vor Ort wirklich verändert?

Unsere Kleidung hat eine lange Reise hinter sich, bevor sie in die Regale der Geschäfte gelangt, und ist dann bereits durch die Hände von Baumwollbauern, Spinnern, Webern, Färbern und anderen gegangen. Etwa 75 Millionen Menschen weltweit arbeiten an der Herstellung unserer Kleidung. 80% von ihnen sind Frauen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren. Die Mehrheit der Menschen, die Kleidung für den Weltmarkt herstellen, lebt jedoch in Armut, da sie nicht in der Lage sind, sich lebensnotwendige Güter zu leisten. Viele sind Opfer von Ausbeutung, verbalem und körperlichem Missbrauch, arbeiten unter unsicheren und unhygienischen Bedingungen und mit sehr geringem Verdienst. Und wir reden hier von 2019.

Wir glauben, dass die gesamte Modebranche einen radikalen Paradigmenwechsel braucht und dass sich die Art und Weise, wie wir Kleidung produzieren und konsumieren, grundlegend verändern muss. Seit 2013 setzt sich die Fashion Revolution Bewegung für eine transparentere, sicherere und ethischere Produktion in der Modebranche ein. Zum Beispiel, indem sie Menschen weltweit dazu bringt, ihre Kleidung auf links zu tragen und Marken zu fragen: “Who made my clothes?”. Obwohl die Anzahl der Antworten wächst, sind die Probleme der Branche noch lange nicht gelöst. Deshalb schließen sich Menschen weltweit jedes Jahr im April zusammen, um mit einer Vielzahl von kreativen Aktionen zu zeigen, dass wir nur gemeinsam einen Wandel herbeiführen können.

Hamburg – Fashion Revolution move

Auch in unserer Hometown Hamburg gab es dieses Jahr jede Menge Aktionen. Von Kleidertauschparties über Paneldiskussionen, Expertengesprächen und einem Dokumentarabend war jede Menge Input dabei. Eine Neuerung aber krönte die Woche: denn erstmals fand in Hamburg ein Fashion Revolution Move statt. Das Thema des Moves war Denim. Begleitet vom Ausruf “Deine Jeans macht Politik” hätte dieses Thema nicht besser zu uns passen können! Denn Denim ist nach wie vor eines der umweltschädlichsten und kurzlebigsten Textilien in der Modebranche.

Deshalb gingen am 27.4.2019 viele viele Hamburger auf die Straße. Um für eine faire, umweltfreundliche und respektvolle Modebranche zu demonstrieren. Denn das Thema, so elitär es auch erscheinen mag, geht uns alle an. Schließlich sind Klimawandel und feministische Themen in der Bekleidungsindustrie – einer riesigen Wirtschaftsmacht – eng miteinander verwoben. Wir bekommen Gänsehaut, wenn wir sehen, welche Kraft sich aus einem gemeinsamen Mindset entfalten kann. Und wie großartig es ist zu wissen, dass wir in unserem Kampf für eine Fair Fashion oder Slow Fashion Bewegung nicht allein sind.

Fashion revolution the Move Hamburg

Bildrechte: Lena Scherer

Fashion revolution the Move Hamburg

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Fashion revolution the Move Hamburg

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Fashion revolution the Move Hamburg

Bildrechte: Lena Scherer

Fashion revolution the Move Hamburg

Bildrechte: Lena Scherer

Schaut euch hier einen kleinen Film zum Move an.

 

Hang me up!

Der Move führte an einigen der Fashion Stores in Hamburg vorbei, die es bereits anders machen und versuchen, etwas zu bewegen, wie Glore, B-Lage und Captain Svensson. Wir waren mit Bridge&Tunnel bei der Endstation des Moves bei Werte Freunde am Start, wo es – wie sollte es anders sein – einen Denim Upcycling Workshop mit uns gab. Denn für uns ist Upcycling eine von vielen Möglichkeiten, zu einer faireren und langsameren Modeszene beizutragen.

Fashion revolution the Move Hamburg upcycling denim wallhanging

Bildrechte: Lena Scherer

Fashion revolution the Move Hamburg upcycling denim wallhanging

Bildrechte: Lena Scherer

Fashion revolution the Move Hamburg upcycling denim wallhanging

Bildrechte: Lena Scherer

Let’s get political!

Wir blicken auf eine Woche voller Inspiration, Denkanstöße und ernstgemeintem Engagement zurück. Auch wenn wir immer noch nicht dort sind, wo wir sein sollten. Zwar ist Fashion Revolution in 90 Ländern aktiv und hat allein im vergangenen Jahr mit ihrer Kampagne 275 Millionen Menschen offline und online erreicht, das sind 83% mehr als im Jahr zuvor. Auch der Transparenzindex der großen Unternehmen stieg in den letzten zwei Jahren um 9% und der Durchschnitt der größten 300 Unternehmen auf 21% (lest mehr dazu bei der Konsumentin).  Doch so wichtig Transparenz und eine offene Diskussionskultur sind, so begrenzt reichen sie an dieser Stelle aus.

Wir müssen das Thema noch politischer angehen! Als Verbraucher in Deutschland würden wir nie im Traum daran denken, Unternehmen die Aufgabe zu übertragen, Menschenrechte auf nationaler Ebene zu schützen. Das ist eindeutig eine Aufgabe des Staates. Absurderweise akzeptieren wir jedoch in der Modebranche die Tatsache, dass sich Unternehmen freiwillig (!) dazu verpflichten, bestimmte internationale Arbeitsnormen einzuhalten, um damit die Menschen- und Arbeitsrechte von Produzenten in Entwicklungsländern zu schützen.

Im Jahr 2014 initiierte die Bundesregierung das Textilbündnis, einen freiwilligen Zusammenschluss von Unternehmen, Handel, NGOs und Gewerkschaften, deren Mitglieder individuelle Maßnahmen zur Verbesserung der textilen Lieferketten entwickeln. Ende 2016 zählte die Textil-Allianz 200 Mitglieder. Inzwischen zählt es nur noch 120 Mitglieder, denn mittlerweile ist das Textilbündnis in die Phase der Verbindlichkeit übergetreten.

Im vergangenen Jahr, am 24.04.2018, startete die FOLKDAYS-Gründerin Lisa Jaspers die Petition “Stopp Unternehmen, die Menschenrechtsverletzungen akzeptieren”. Innerhalb kürzester Zeit unterschrieben mehr als 110.000 Menschen. Ein Jahr ist vergangen, und es ist immer noch schwierig, wenn nicht gar unmöglich, deutsche Unternehmen für Menschenrechtsverletzungen in den Ländern, in denen sie produzieren, verantwortlich zu machen. Es bestehen noch keine Sorgfaltspflichten. Daher geht die Petition nun in die zweite Ausgabe.

Lisa Jaspers sowie zahlreiche UnterstützerInnen fordern die Bundesregierung erneut auf: Zeigt Verantwortung! Die Forderung wird von dem Hashtag #fairbylaw begleitet. Die Petition ruft Angela Merkel und die zuständigen Ministerien auf, sich nicht länger hinter unverbindlichen Textilbündnissen und Aktionsplänen zu verstecken, sondern Gesetze zu schaffen. Deutsche Unternehmen müssen für Menschenrechtsverletzungen in ihren eigenen Lieferketten verantwortlich gemacht werden.

Unser Nachbarland Frankreich zeigt, wie es geht: Dort wurde bereits vorletztes Jahr ein Gesetz über unternehmerische Sorgfaltspflichten verabschiedet, welches in seiner Bedeutung und Tragweite für die Menschenrechte in der Textilindustrie bisher einzigartig ist. Die Petition von Lisa Jaspers fordert dasselbe für Deutschland! Wenn ihr es noch nicht getan habt, unterschreibt hier!

In der Zwischenzeit kämpfen wir mit Bridge&Tunnel weiterhin für eine fairere Modebranche, um sagen zu können “I made your clothes”.